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Gute Hundstage - die andere Sicht

31.08.2011 10:11 Alter: 7 yrs
Kategorie: Flugberichte

Von: Roland Bieri

Fazit:

-          - es geht nicht immer so, wie man es sich vorstellt

-          - mehr Geduld!

-          - es gibt immer noch hilfsbereite, freundliche Leute

-          - auch wenn die segelfliegerische Komponente auf der Strecke bleibt, ist Segelflugwandern ein Erlebnis

 

Wie kam das Fazit zustande? Im August zufällig eine Woche frei zu haben, gute Flugwetterprognosen, Pesche Ryser, der mitfliegen würde, das tönt schon fast wie ein Lottosechser. Also, alles vorbereitet, die Gedanken nach Puimoisson ausgerichtet, die Kaltfront schnell abziehen lassen und dann los!

Tja, am Montag hängt sie noch da (die Kaltfront), am Dienstag Rückseite mit Basis im Keller. Der Mittwoch wird stabil (haben wir das nicht schon zur Genüge erlebt dieses Jahr?). Wir wollen jetzt einfach gehen! Puimoisson ist nicht so weit, da können wir auch erst um 14 Uhr losfliegen. Zweisimmen hat eine RM, die Schleppmöglichkeit vorhanden. Die ersten schwachen Thermikanzeichen lasse ich grosszügig aus. Der erste Flug dauert gerade mal 33 Minuten, der Empfang in Zweisimmen ist freundlich und Erich Kobel leistet mir bald Gesellschaft. Nach einem Drink bin ich wieder in der Luft. Es geht, unter schlechter als oben. Unten heisst unter 3000m. Die Basis von 3300m erlaubt eine komfortable Querung des Wallis, bei Verbier wird aus 2600m wieder hochgeknorzt. Im Aostatal komme ich über 3500m, derweil beklagt sich Pesche (der übrigens Zweisimmen gekonnt ausgelassen hat) über mühsame Bedingungen bei Val d’Isere und andere Probleme. Ich komme südlich des Petit St. Bernard auf über 3600m, es ist viertel nach Vier und der Drang nach Süden gross. Ich bin schon öfter um diese Zeit nach Puimoisson geflogen, es bleiben 4 Stunden und sind nur knapp 200km. Vor mir liegt ein grosses blaues Loch, nach Courchevel locken Wolkenaufreihungen auf ca. 3500m bis zum Col du Galibier. Ich entscheide mich zum Weiterflug. Peche ist noch hin- und hergerissen, kehrt schliesslich aber um. Nach 20km Gleitflug wird es spannend: gelingt der Anschluss? Nach kurzem Suchen kann ich auf 2500m in ruppigen 1,5m/s eindrehen und steige 200m. Kurze Entspannung, das Steigen ist weg, neue Suche, wieder von 2500 auf 2600, neue Suche, tiefere Krete, in sinkendem Sägezahnflug  muss ich widerwillig dem Tal Richtung Albertville folgen. Im Funk höre ich Pesche: „Role hat bei Courchevel den Anschluss gefunden ist am Steigen und nur noch 180km von Puimoisson entfernt“. Der Frust ist ihm anzuhören. Ich kann ihn nicht mehr aufheitern, er hört mich schon nicht mehr. Das Absaufen ist nicht mehr zu vermeiden, die Luft ist müde. Um halb Sechs bin ich in Albertville am Boden und werde gerade in Empfang genommen. Der freundliche Herr beschafft mir die Telefonnummer für den Rückschlepp sowie den Transport zu einem nahegelegenen Hotel. Nach einer erfrischenden Dusche freue ich mich auf das Abendessen. Nach einem stündigen Spaziergang sehe ich ein, dass keine offene Gaststätte in Reichweite liegt und esse mein letztes Sandwich.

Dafür räume ich am nächsten Tag das Z’Morgebuffet aus. Frisch gestärkt treffe ich auf dem Flugplatz zwei deutsche Segelflugwanderer, die es gestern auch noch abgestreift hat. Wir bereiten die Flugzeuge vor. Das Wetter wirkt noch stabiler als am Vortag. Deshalb möchte ich nicht zu früh starten. Zurück in Bern wäre man relativ schnell. Ich organisiere den Schlepper, der aus Challes-les eaux kommt. Leider will er mich nur vor 13Uhr schleppen, nachher haben sie Flugbetrieb und keine Kapazität mehr für mich. Die Schleppmaschine ist ein ulkiges Ding, bestehend aus einem Robinflügel und einem selbstgemachten, schmalen Rumpf mit  einem 180PS-Motor mit 5-Blatt-Propeller, das sehr gut steigt. Um11 Uhr 40 starten wir, es ist auch so schlecht wie es aussieht. Ich mache einen Monsterschlepp bis auf 2900m Höhe, um bei Bedarf sicher nach Bex zu kommen und auch noch etwas suchen zu können. Ich finde schwaches Steigen über dem Ravoire, sehr zerrissen von Westwind. Es reicht knapp, um die Höhe zu halten. Ich bin wohl zu wenig geduldig, fliege weiter zum Lac de Fully, bin aber unter der Krete und muss weiter Richtung Bex. Ãœber den Hängen östlich von Bex folgt ein langsames Abkreisen. Eine kurze Steigphase von 200m muss ich sofort mit etwa 10 Raubvögeln teilen, die dankbar mit mir das Aufwindchen teilen.

Nach der Landung werde ich auch in Bex werde ich sofort wieder gut betreut. Der Schlepppilot kommt extra wegen mir. Allerdings komme ich erst nach gut 2 Stunden wieder in die Luft. Bis auf 2800m passiert thermisch nichts, dafür wäscht es mir ein wenig die Flügel. Ich habe die nötige Höhe, um ohne weitere Zwischenlandung nach Bern zu fliegen. Ein paar schlaffe Cumuli bringen ein paar Meter. Die Lust am Fliegen ist mässig, ich habe eher das Gefühl, ich müsse den Schlepp noch etwas amortisieren. Kurz vor 5 Uhr geht das Abenteuer mit der Landung in Bern zu ende.

Der OLC ist ein Wunderding, man kann viel von den anderen lernen. Ich musste leider feststellen, dass durchaus mehr möglich gewesen wäre und wollte herausfinden, wo die entscheidenden Fehler passiert sind. Habe ich an einigen Stellen zu wenig Geduld gehabt? Beim analysieren der Flüge mit See You stellte ich fest, dass alle Nullschieberübungen viel kürzer waren, als ich es vom Flug her im Gefühl hatte. Zum Beispiel am Ravoire: hier pendelte ich zwischen 2200 und 2400m, konnte die Höhe halten. Nach einer gefühlten halben Stunde flog ich weiter. Gemäss Flugauswertung waren es nur 10 Minuten! Ein Blick auf die Uhr soll in Zukunft dem Gefühl helfen; die Thermik pulsiert manchmal langsamer.

 

Erfahrungen für alle:

Albertville: geschleppt wird durch Schlepper von Challes-les-eaux, Tel. Nr. 0479 72 97 19. Die Piste ist etwa 20m breit, nicht sehr lang und ein Rückschlepp mit einem Doppelsitzer ist nicht immer möglich!

Bex: eine Liste der Schlepppiloten hängt am hölzernen Hangar neben dem Restaurant.